SEO als ODP-Editor?
Geschrieben von Frank Doerr   
Montag, 24. April 2006

Editor-DashboardUnter Webmastern – und hier vor allem unter jenen, die Suchmaschinen-Optimierung (SEO) betreiben – wird die Bedeutung des Open Directory Project (ODP) als relativ hoch angesehen. Dies hat mehrere Gründe: 

  • Die Inhalte des ODP dienen der derzeit wichtigsten Suchmaschine Google als Basis des eigenen Verzeichnisses – des Google Directory. Dort werden Seiten nur dann geführt, wenn sie im ODP gelistet sind. Auch zahlreiche andere Portale und Suchmaschinen greifen auf diese Daten zurück, so dass ein Eintrag im ODP eine starke Zunahme der Domainpopularität bedeutet.

  • Oftmals übernimmt Google vom ODP Seitentitel und -beschreibung, was wiederum Einfluss auf die Platzierung der Seite in den Suchergebninssen (SERPs) haben kann.

  • Sowohl ODP als auch Google Directory haben einen hohen PageRank (PR, Wertigkeit), den sie auf die gelisteten Seiten vererben können. Allerdings ist das Maß der PR-Vererbung auch abhängig von der Menge der Links auf einer Verzeichnisseite – bei 20 oder mehr Listings nivelliert sich dieser Effekt.

  • Viele Anhänger der Sandbox-Theorie vertreten die Ansicht, dass ein Link seitens einer von Google als vertrauensvoll eingestuften Seite dabei hilft, dem Sandbox-Effekt zu entgehen bzw. diesen Zustand schneller zu beenden. Dabei gilt das ODP in diesem Zusammenhang als „Thrusted Site“.

Als Editor in der Öffentlichkeit 

Anhand dieser vier Punkte scheint es für viele SEO'ler also erstrebenswert, ihre Seiten im ODP vorzufinden. Ich selbst bin in einigen SEO-Foren unterwegs und mache keine Hehl aus meiner Tätigkeit für das ODP. Seit Anfang 2006 werden wir Editoren sogar offiziell dazu ermuntert, Flagge zu zeigen: „Editiere, und lass es die ganze Welt wissen!“ Nur wenn wir öffentlich für unsere sinnvolle Arbeit eintreten und sie transparent gestalten, können wir Vorurteilen und Gerüchten so gut als möglich begegnen.

So bekam ich in Foren bereits private Nachrichten mit der Bitte, etwas für das Listing der Seite im ODP zu tun. Oder es gab allgemein Unterstellungen, dass Editoren doch sicher etwas für ihre eigenen Seiten tun können. Was mich zu der klassischen Carrie-Bradshaw-Fragestellung bringt, die diesem Artikel seinen Titel gab: „Kann man gleichzeitig Suchmaschinen-Optimierer und ODP-Editor sein?“

Wenn Menschen etwas von außen betrachten, projizieren sie gern ihre Wünsche und Erwartungen. Der 16jährige Junge ohne Hauptschulabschluss, der keine Lehrstelle findet, wäre am liebsten Chef, käme gern in den Genuss von Ansehen und Macht. Übersieht in seinen Träumen aber, dass ein Geschäftsführer auch Pflichten hat und Verantwortung trägt. Ähnlich ist es mit der Editorentätigkeit beim ODP.

Richtlinien und Selbstverständnis 

Spätestens wenn ich mich als Editor in mein Dashboard einlogge, meine persönliche Verwaltungszentrale betrete, bin ich in erster Linie eines: Editor. Das bedeutet, dass ich den Guidelines verpflichtet bin, den Richtlinien meiner Arbeit. Und nicht nur das: kein Editor ist eine Insel, sondern Teil eines größeren Ganzen, des Editor-Netzwerkes. So wie die Guidelines für alle Editoren gelten, gibt es Absprachen innerhalb der Kategorien, wie diese Richtlinien hinsichtlich der betreffenden Kategorien angewendet werden sollten. World/Deutsch/Regional hat teilweise andere Erfordernisse im Umgang mit Listings wie World/Deutsch/Gesundheit. Um diese Absprachen wird teilweise in längeren Prozessen gerungen – bis sie am Ende eines Diskussionsprozesses für alle betroffenen Editoren verbindlich sind.

Ich selbst bin in einer für Webmaster scheinbar glücklichen Lage: ich betreue Kategorien, in denen ein Teil meiner eigenen Websites, ja sogar der ein oder andere Kunde gelistet ist. Doch ist dies nicht verwunderlich, schließlich handelt es sich um Gebiete, in denen ich Fachmann bin – und natürlich werden meine Interessen durch meine Webseiten wieder gespiegelt, während ich gleichzeitig dadurch fachlich in der Lage bin, die Inhalte meiner Kategorien einzuschätzen. Persönliche oder berufliche Vorteile bringt mir dies allerdings nicht, wenn man einmal davon absieht, dass ich so fachlich relevante Seiten kennenlerne, die mir zuweilen unbekannt sind.

Mein Selbstverständnis als Editor zwingt mich sogar oftmals zu Handlungen, die dem SEO'ler in mir die Tränen in die Augen treiben. Bei einer gnadenlosen Überarbeitung meiner Hauptkat Anfang 2006 musste ebenso der Eintrag der Seite überarbeitet werden, über die ich meine Seminartätigkeit promote, wie auch die Seite eines Kunden, für den ich wenige Monate zuvor eine Suchmaschinen-Optimierung durchgeführt hatte. Die Einstufung dieser beiden Seiten in neugeschaffene, PR-technisch wesentlich niedrigere Kategorien dürfte negativen Einfluss auf die PR-Vererbung, die Anpassung der Seitentitel an aktuelle Standards möglicherweise negativen Einfluss auf die SERP's haben.

„Erzähl uns nichts“, höre ich einen fiktiven SEO-Kollegen grinsen, „du hast doch bestimmt Vorteile. Ich warte schon ewig auf die Aufnahme meiner Seite, bei dir geht es bestimmt zügig.“

Gewusst wie - die korrekte Anmeldung 

Auch hier mag der Kollege irren. Sicher, ich kann ein neues Projekt, das in eine von mir betreuten Kategorie gehört, sofort aufnehmen. Aber das tue ich im Rahmen der Aktualisierung meiner Kat, wenn ich sowieso alle anderen von außen eingereichten Seiten bearbeite. Zudem aktualisiere ich in unregelmäßigen Abständen eine interne Liste der Seiten, für dich ich verantwortlich bin. Dadurch sehen alle Editoren meine Verbindungen und können die Korrektheit meiner Arbeit überprüfen. Diese Liste ist nur ein Instrument, um möglichen Missbrauch einer Editorentätigkeit zu verhindern. Schließlich gab es in der Vergangenheit immer mal Webmaster, die den Editierjob nur zur Promotion eigener Webseiten ausüben wollten. Als ich solches in einer untergeordneten Kat entdeckte, nahm ich die Änderungen desjenigen zurück. Er war dann auch nicht länger Editor des ODP.

Wenn ich Seiten in einer Kategorie anmelde, die nicht von mir betreut wird, vielleicht gar keinen Editor hat, muss ich vielleicht genau so lange warten wie jeder andere. Allerdings habe ich einen Vorteil, den Lohn mittlerweile fünfjähriger ehrenamtlicher Tätigkeit fürs ODP: ich weiß, wie ein Editor sich eine Neuanmeldung wünscht.

Wenn mal wieder ein Webmaster in einem Forum klagt, dass seine Seite einfach nicht aufgenommen wird, und auf das ODP schimpft, stellt sich oftmals heraus, dass er die Anmelderichtlinien nicht gelesen oder sonstige Fehler gemacht hat. Ich dagegen sorge dafür, dass mein Eintrag optimal vorbereitet ist – schließlich kostet Editieren Zeit und jeder Editor freut sich, wenn eine Seite in der genau passenden Kategorie angemeldet ist (was nach meiner Erfahrung die wenigsten Webmaster schaffen und was sonst für eine Odyssee des Eintrags sorgen kann). Ich beherrsche mein Handwerk, eine Seite objektiv mit ihren Features zu beschreiben. Wie viele Webmaster spammen dagegen das Beschreibungsfeld oder gar das des Seitentitels mit Keywords zu, preisen die Seite marktschreierisch an oder liefern nichtssagende tagebuchartige Einträge in der ersten Person Singular. Von Grammatik und Rechtschreibung ganz zu schweigen („Meine Seite ist Beste für Handy und meine Kumpel hört liebste Klingelton von die...“).

Doch im Grund könnte jeder halbwegs mit Grips begabte Webmaster dasselbe leisten wie ich – indem er sich die Mühe machen würde, die Kategorie-Richtlinien zu lesen und anhand der Beschreibung der bereits gelisteten Seiten einen Standard zu erkennen und diesen umzusetzen. Solche potentiellen Neuaufnahmen werden gern durchgewunken. Das ist etwas anderes als die Maßnahmen der Spezialisten, die eine Domain im Verzeichnis anmelden, die außer einer Navigation noch gar keine Inhalte hat...

Letztendlich kommt mir als SEO'ler also nicht der interne Zugang zum ODP zu Gute, sondern die Erfahrung und Profession des Editors. Dass dies zu meinen Skills als SEO-Anbieter gehört, ist nicht zu bestreiten. Wobei es mittlerweile viele Verzeichnisse mit PR-Vererbung gibt. Das ODP mag das Wichtigste sein, aber auch woanders freuen sich die Betreiber – die oftmals auch alleiniger Editor in Personalunion sind – über korrekte Anmeldungen.

So bleibt mir die Einsicht, dass sich SEO und ODP problemlos verbinden lassen. Und zwar genau dann, wenn der Editor etwas mitbringt, das ich mit Ethik und Arbeitsmoral tituliere. Letzteres steht für das befriedigende Gefühl, einen wirklich guten Job als Editor zu machen. Und das erste dafür, mir selbst jeden Morgen und jeden Abend im Spiegel in die Augen schauen zu können.

 
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