2.2 Instant Messaging – plaudern für das Protokoll

Instant Messaging ist heute eine der beliebtesten Kommunikationsformen im Netz und dass „Chatten“ genauso wie die Nutzung anderer Internetdienste nicht ohne Gefahren für die Privatsphäre des Einzelnen ist, sollte jedem klar sein.

Mittlerweile gibt es vier große Messenger die sich miteinander den Markt teilen: AIM, ICQ, MSN (eigentlich: Windows Live Messenger) und der Yahoo! Messenger.

Da im Konkurrenzkampf der Anbieter, derjenige Betreiber einen Vorteil hat, der die Interessen seiner Kunden am besten erkennt und so am gezieltesten werben kann, versuchen die Firmen natürlich möglichst viel über ihre Nutzer zu erfahren – und die beste Informationsquelle über die Interessen der Benutzer ist natürlich der Benutzer selbst.

Daher verwundert es nicht, dass es viele Anbieter dieser Dienste es nicht gerade genau mit dem Datenschutz nehmen. So haben sie oft ziemlich bedenkliche Geschäftsbedingungen (ja, dass ist der lange Text den niemand durchliest sondern gleich „Ich akzeptiere/I agree/OK“ klickt 😉).

AOL – Nachrichten an den großen Bruder

Ein klassisches Beispiel dafür ist der Konzern AOL (America Online) der neben seinem Angebot als Internetprovider auch noch diverse andere Dienste bietet – darunter zwei der beliebtesten Messenger, nämlich AIM und ICQ.

ICQ wurde im November 1996 von der Firma Mirabilis veröffentlicht, das Unternehmen wurde dann ein Jahr später, im Juni 1997 von AOL gekauft. Somit fällt ICQ unter die Nutzungsbedingungen von AOL.

So muss der Benutzer dazu bereit erklären, jede Form von geistigem Eigentumsrecht an ICQ abzutreten, was bedeutet, dass man unter anderem das Copyright an allen geschriebenen oder versandten Daten zugunsten von AOL verliert. Ebenso stimmt man durch Akzeptanz der Nutzungsbedingungen ICQ/AOL das Recht zu, alle diese Daten aufzuzeichnen, zu speichern, zu sortieren und gegebenenfalls auch an andere Institutionen, besonders Strafverfolgungsbehörden (was Geheimdienste einschließt) weiterzugeben.

Letztlich stimmt man damit also der totalen Kontrolle durch AOL zu.

Was bedeutet das konkret:

  • gibst du einem Freund per ICQ deine Adresse/Kontonummer/.., bekommt sie auch AOL
  • Informationen und private Angaben wie Alter, Wohnort etc. können heraus gefiltert werden
  • Solltest du dich bei Problemen an einen Freund per ICQ wenden so werden auch deine privaten Nöte und Ängste aufgezeichnet
  • Wenn du flirtest oder sogar Cybersex/Chatsex haben solltest…auch das wird mitgeloggt
  • angenommen du verfasst ein Buch oder Gedichte und schickst das Manuskript per ICQ an einen Freund, so verlierst du das Copyright. AOL könnte z B dieses Buch herausbringen oder einen Gedichtband mit dem klingenden Titel: „Lyrik unserer ICQ und AIM User“ und Du würdest vom Gewinn nicht einen Pfennig sehen weil du das Copyright abgetreten hast

Außerdem ist vielleicht schon mal jemandem aufgefallen, dass man seinen ICQ-Account nicht wirklich löschen kann. Man kann seinen Kontakten in der Liste sagen „Ciao ich bin weg“, die Liste löschen, alle Angaben im Profil entfernen und die ICQ-Nummer wegschmeißen. Damit ist der Account zwar „entsorgt“ (ich habe es selbst schon so gemacht) aber eben noch längst nicht gelöscht.

Da verwundert es dann auch nicht weiter, dass bei AIM und ICQ die gesamte Verbindung und Kommunikation zwischen den Chattern unverschlüsselt übertragen wird (wer hätte das gedacht…)

Beim MSN sieht es ähnlich aus, denn mit der Nutzung ihrer Software erklärt sich der Anwender ebenfalls mit dem Mitschnitt von Nachrichten einverstanden. Allerdings soll es einige „Nachbesserungen“ gegeben haben, dazu kann der Autor aber nichts genaueres sagen. Im übrigen werden für die Nutzung des MSN-Messengers in etwa 10 Ports (quasi die Tore der verschiedenen Dienste/Programme ins Internet) geöffnet, was die Sicherheit des Systems senkt

Natürlich möchten alle Anbieter die Nutzer ihrer Software möglichst effektiv überwachen und so können ihre Messenger auch nur dazu verwendet werden um ihren eigenen Dienst (etwa ICQ) zu verwenden.

Sicheres Instant Messaging – Was kann man tun?

Im Gegensatz zur sonst für Software geltenden Regel nur Originalsoftware zu verwenden,
muss man in diesem Fall aus Gründen des Datenschutzes davon abraten. Selbstverständlich verbieten jedoch alle Anbieter in ihren Nutzungsbedingungen die Verwendungen von alternativen Chat-Programmen, die nicht Originalsoftware des Herstellers sind.

Eine minimale Schadensbegrenzung kann durch Verwendung von Multi-Protokoll-Messengern wie etwa Miranda (Website (EN) http://www.miranda-im.org/) die mehrere Protokolle beherrschen, erreicht werden. Auf diese Weise wird zumindest die direkte Adware der Originalprogramme (in Form von Werbung) umgangen – die Überwachung durch den Anbieter bleibt aber trotzdem bestehen, solange man diesen Dienst weiterhin nutzt

Ich persönlich empfehle daher Jabber, das eine wirkliche Alternative darstellt. Klare Vorteile von Jabber sind, dass es auf allen Betriebssystemen (Windows, Linux, Mac) läuft und das es sich dabei um ein offenes Protokoll handelt.

Das bedeutet, es gehört keiner monopolistischen Firma und hat daher auch keinen zentralen Hauptserver, sondern viele voneinander unabhängige kleine Server. Demzufolge gibt es bei Jabber auch keinerlei Überwachung durch irgendeinen dubiosen Megakonzern.

Weitere Vorteile von Jabber sind, dass es leicht verschlüsselt werden kann und sowohl konventionelles Instant Messaging als auch Gruppenchats (MUC) und in absehbarer Zukunft auch VoIP beherrscht. Darüber hinaus kann ein Account, wenn er nicht mehr benötigt wird, wirklich gelöscht werden. Entgegen anders lautenden Gerüchten, ist Jabber übrigens auch nicht schwieriger als irgendein anderer IM einzurichten.

Im Übrigen bieten einige Jabber-Server die Möglichkeit über so genannte Gateways beispielsweise mit ICQ-Kontakten zu chatten – ob das allerdings bezüglich der Sicherheit wirklich Sinn macht ist für mich mehr als fraglich.

Eine einfache aber komplette Anleitung für Jabber bekommt man im deutschsprachigen Jabber-Kompendium. (Website: http://de.wikibooks.org/wiki/Jabber-Kompendium)

Einziger „Nachteil“ ist, das Jabber bislang unter Nutzern klassischer Instant Messenger eher unbekannt geblieben ist – und dass echte Jabber-Fans es (verständlicherweise) oft ablehnen, Gateways zu anderen Diensten zu benutzen.

Das heißt letztlich, entweder man leistet eine Menge Überzeugungsarbeit um etwa seine ICQ-Kontakte zu einem Umstieg auf Jabber zu bewegen, oder man empfiehlt ihnen Multi-Protokoll-Messenger zu verwenden (so dass sie mit ihnen per Jabber kommunizieren, aber mit anderen Kontakten weiterhin per ICQ chatten können).

Sollte ein Bekannter zu keinem der genannten Möglichkeiten bereit sein – Ich persönlich bin zu der Überzeugung gelangt, dass mir meine Privatsphäre wichtiger ist, als die Unflexibilität einiger meiner ICQ-Kontakte. Somit steige ich langfristig auf ausschließliche Nutzung von Jabber um.

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